Fiktion Sprachgrenzen

22. Juni 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Walenstadt: Ich hatte vor der Reise recherchiert, ein kürzlicher Beitrag von Georges Lüdi in Babylonia bestätigte, was ich gefunden hatte. Der Ort am oberen Ende des tief eingeschnittenen Walensees hat eine interessante Etymologie. Die Alemannen nannten den See Vuahalasee, den welschen See. Welsch war alles, das einem fremd vorkam, und im Osten des Gewässers, das zu einem wichtigen Transportweg wurde, wohnten im frühen Mittelalter die Romanen. Vor 1848 existierte gar keine Strasse entlang des Sees. Die Waren wurden verladen und über die Sprachgrenze ‚outre-mer‘ verschifft.

Im Umland von Walenstadt findet man noch viele romanische Flurnamen, wie ich der Infotafel an der Hauptstrasse entnehme: Calfinza, Cums, Valitscha, Curtimun. Die Bewohner des Städtchens dürfte das kaum kümmern, sie gehen ihren sehr heutigen Beschäftigungen nach, die Schulkinder zum Beispiel der Veloprüfung. Ich schliesse mich ihnen an und frage den Polizisten, ob ich’s gut gemacht habe. Er ist mit seinem Handy beschäftigt. Die Sprachgrenze ist hier doch eher historisch und unterirdisch (Lüdi: Romania submersa).  Und ohnehin, von einem Rückzug der Romania zu sprechen, trifft die Sachlage nur ungenau. Vielmehr hat sich eine früh entstandene Zweisprachigkeit (diejenige der Schiffsleute auf dem Vuahalasee?) allmählich gegen die Berge verschoben.

Ich komme nach einem längeren Kampf gegen den Gegenwind an diesem gewittrigen Tag nach Bonaduz, eine der Gemeinden, die von einer romanischsprachigen zu einer deutschsprachigen Mehrheit kippte – eine offizielle Zweisprachigkeit kennt man eher nicht. Dann Rhäzüns, das als einziges Kennzeichen einer submersiven Bilingualität den Dorfbrunnen mit  Rhäzüns – Razén schmückt, vielleicht doch eher symbolisch? Doch nein, die Bündner Kantonalbank gleich dahinter zieht mit: Sie stellt sich mit Banca cantunela ins Schaufenster.

Fiktion Sprachgrenze nochmals

Ich bin bass erstaunt, als ich am gegenüberliegenden Tisch in einer Trattoria in Thusis (eindeutig deutschsprachiger Umschlagplatz und Sust an der Viamala-Schlucht) einen ca. 40-jährigen Mann angeregt mit einem etwa dreizehnjährigen Mädchen sprechen sehe und höre: auf Romanisch. Tatsache ist, dass das Mädchen den Mann zutextet, sie muss viel Interessantes über ihre Welt zu erzählen haben (er kann also nicht ihr Vater sein), und ich höre „Facebook“ heraus und einige damit im Zusammenhang stehende Einsprengsel (befreundet, verarschen).

Ich gehe der Sache nach und spreche in einer Konversationspause (das Mädchen ist am Handy beschäftigt) ihren – wie sich herausstellt – Götti  (Patenonkel) an. So verhält es sich: sie sind nicht von hier (Thusis), sie wohnt in Bonaduz, er in Zizers, aber beide wohnten einst im Münstertal, jenem südöstlichen Zipfel der Schweiz, in dem die Romanen noch fast unter sich sind (vielleicht auch das eine Illusion, ich werde es nachprüfen können, später auf meiner Tour). Noch wunderlicher: er ist ursprünglich Berner, er sagt, er spreche das Romanische nicht so gut – doch einmal scheint sie ihn nach einem Wort zu fragen. Jedenfalls pflegten sie ihre ‚Heimatsprache‘ nach eigenem Bekenntnis gerne.

Die Via Mala heute

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