Menschen in der Landschaft

27. Juni 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Es gibt dieses schöne Wort von den Sprachlandschaften (Sprachlandschaft in der Schweiz, Lüdi & Werlen 2005, Linguistic Landscape, edited by Shohamy & Gorter, 2008). Damit kann Unterschiedliches gemeint sein, im ersteren Fall eine Interpretation der Resultate der Schweizer Volkszählung 2000: eine interessant eingefärbte Landkarte zum Beispiel, die die Verteilung derjenigen aufzeigt, die als ihre Hauptsprache Englisch angeben, oder eine Grafik, die zeigt, welche Berufsgattungen am meisten Fremdsprachen sprechen.

Doch wenn ich durch die Topografie radle, sehe und spüre ich weniger die im Terrain festgeschraubten Sprachmanifestationen wie Schrifttafeln, Wegweiser und Reklameschriften als die Menschen, die sich in ihr bewegen und vor allen Dingen arbeiten.

In den Landstrichen, die ich in der Deutsch- und romanischen Schweiz durchquerte, schienen mir insbesondere Menschen, die Portugiesisch sprechen, eine fast geheime Existenz zu leben, und, wie wenn einer einen Stein umdreht und genauer hinschaut, kommen sie zum Vorschein und äussern sich ganz bestimmt, jenseits aller Statistiken.

  • Die Himbeerpflücker und -pflückerinnen in den weiten Plantagen bei Landquart, mit denen ich ein paar Worte wechsle sind Pol/innen und Portugies/innen. Die eine Frau, die ich anspreche, will nicht recht Auskunft geben, wohl weil ich sie fragte, wo denn die Früchtchen verkauft würden. Stattdessen steckte sie mir eine Handvoll Beeren zu, die herrlich mundeten.
  • Die Spettfrau, die mir im Hotel in Thusis das Frühstück macht, kommt aus Porto, sie ist seit fünf Uhr am Werk und es macht ihr gar nichts aus, mir viel früher als abgemacht alles zuzubereiten. Ihr Mann arbeitet bei der Bahn, immer im Nachtdienst (Gleisbau) und beide sprechen nur ein paar wenige Worte Deutsch, weil sie kaum eine Chance haben, ins Gespräch zu kommen mit Hiesigen. Sie zeigt sich dankbar, dass ein Mal für ein Elterngespräch eine Dolmetscherin eigens aus Chur herkam. Die Frau spricht mit mir ein kurioses Gemisch aus Portugiesisch und Italienisch, der Verkehrssprache in manchen Berufen hier. Es tönt wie nasalierters Italienisch und selbst als sie merkt, dass ich ein bisschen Portugiesisch kann, bleibt sie bei os piccolinos.
  • Zum letzten Mal höre ich Portugiesisch in Müstair, hart an der Grenze zu Italien, als ich nachts aus meinem angenehmen Hotelbettschlaf gerissen werde. Draussen vor dem offenen Fenster – es muss nach Mitternacht sein – unterhalten sich lautstark die Jungen des Dorfs in dieser ihrer Sprache. Was immer das zu bedeuten hat, ich bin zu müde und frustriert über den verlorenen Schlaf um mir das zu überlegen.

Bei Tageslicht betrachtet mag es einfach, zusammen mit den anderen Episoden heissen, dass Menschen und ihre Stimmen, nicht die blossen Sprachen, die erlebbare Landschaft ausmachen. Man hört sie, wenn man nur hinhört oder hinzuhören gezwungen ist.

Haareschneiden auf Portugiesisch in Thusis geht gut, Elterngespräche sind schwieriger

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