Alle Alleen bis Gagausien (1)

1. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Wie ich in meinem Blogeintrag vom 6.6. erwähnte, habe ich eine Vorliebe für Alleen oder jedenfalls für die Vorstellung davon, was Alleen sein könnten. Weder zur Gärtnerei noch zur Landwirtschaft gehörend, angepflanzt in Reih und Glied nicht aus militärischen Gründen, sondern wohl am ehesten um für Schutz vorzusorgen, der in Zukunft die harschen Winde brechen und die Reisenden von sengender Sonne bewahren würde. Gewiss dienen sie seit ehedem auch der Repräsentation: eine in die Landschaft hinaus verlängerte Geste der herrschaftlichen Gartenanlage (siehe Foto). Aber im Grunde ist sie bescheiden; wenn man sie gewähren lässt, steht sie in stiller Schönheit, ob in Form von Platanen, Pappeln, Linden oder auch Eichen.

Damit sch das herrschaftliche Gut gut verbergen kann

Aber man lässt sie selten gewähren heutzutage. Ich hätte nicht erwartet, dass mein Vorhaben, alle Alleen mit meiner kleinen Foto-/Videokamera auf meiner Radreise zu filmen, so einfach sein würde, denn schlicht und einfach gibt es nicht mehr viele davon.

Ein erstes Filmchen drehte ich von meinem Lenker-Stativ aus in der March, aber ich musste meinen Weg verlassen, um die aus unterschiedlich alten Platanen zusammengeschnurpfte Allee vor die Linse zu bekommen. In der Nähe von Landquart dann eine zweite Chance, aber eine echte Allee war es nicht (Birnbäume!), eher ein reihenartig aufgestellter Obstgarten beidseits der Feldstrasse. In den Alpen waren meine Erwartungen gering, hier schützen die Berge vor dem Kamm des Windes, und für Verirrte im tiefen Schnee und Schneepflüge setzt man Stangen zu beiden Seiten der Strasse.

Umso gespannter war ich heute auf meine Durchquerung der Ebene zu Füssen der Dolomiten (die dann einmal wirklich zur Po-Ebene wird, 130 km von Bassano del Grappa weg, wo ich übernachtete). Sind nicht Urbilder von Flussebenen von Pappelalleen durchsetzt?

Aber man scheint den markanten Helden des Tieflands schon länger den Garaus gemacht zu haben. Selten einmal rafft sich eine zerrüttete Halballee zu krummem Hinstehen auf, nicht der Videopixel wert. Oft zeugen Strünke mit zerfurchter Borke und neu spriessenden Ästen vom früheren Vandalismus der Behörden.

Die Gründe sind leicht zu erschliessen. Wo noch Halballeen stehen, kann man eine gewisse Grundsympathie für den Baumbestand vermuten, aber die Strasse musste halt doch verbreitert werden, hier in Norditalien insbesondere für die Lastzüge, die auch auf Nebenstrassen und Schleichwegen die Rohstoffe für die Industriemaschinerie anliefern oder die Produkte abholen. Nicht von ungefähr gilt die Region als eine der wirtschaftlich stärksten Europas. Meist wurde jedoch Ratzeputz gemacht, aber von Windschäden sieht man auch nach den Gewittern der vergangenen Tage nicht viel, der Mais steht gerade wie eh. Vielleicht eine Zucht, die sich selbst Allee genug ist?

Die Ernte des Tages: drei Alleen auf Video. Für die erste fuhr ich auf Abwegen eine Friedhofstrasse entlang, die zweite war – naja, halt so eine Bourbaki-Armee von nicht mehr ganz aufrechten Platanen, die dritte schliesslich ganz passabel an einem Ortseingang irgendwo im Westen der Euganeischen Hügel. Da wurde es so richtig schön dunkel.

Es wären weitere Alleen in Frage gekommen, aber das Filmen wäre bei Dauerverkehr zu gefährlich gewesen. Wenn so ein 40-Tönner hinter einem dröhnt, hält man die Lenkstange lieber ganz fest. Schliesslich finde ich doch noch meine idealen Strassen fürs geruhsame Radeln: Auf den Dämmen entlang der unzähligen Bewässerungskanäle. Das macht Freude, wenn auch Umwege und keine Alleen damit verbunden sind.

P.S.: In den 1960er Jahren führte der ADAC in Deutschland eine Kampagne gegen Alleen: Der Zusammenstoss eines Autos mit einem Alleebaum ende zu häufig tödlich für die Insassen; Menschenleben hätten Vorrang vor Ästhetik und Naturschutz.

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