Zimbrisch?!

1. Juli 2011 § Ein Kommentar

Ein nächtliches Gewitter gibt den Ausschlag für meinen Entscheid: statt dem Lauf der Brenta von Levico Terme bequem auf einem Radweg bis Bassano del Grappa zu folgen (eine durchaus anständige Tagesetappe von 80 km), wage ich mich in der Morgenkühle den sogenannten Kaiserjägerweg hoch, 800 Höhenmeter mit Serpentinen scheinbar in den Fels gehauen. Im ersten Weltkrieg als Nachschublinie für die österreichischen Truppen gebaut, Kanonen und Futter wurden da hinauf bewegt, oft auch Kanonenfutter in Form von jungen Männern, ein trauriger Gedanke, der mich nicht gerade beflügelt.

Doch es ist angenehm kühl, einige Tropfen fallen als Nachhut des Gewitters. Die Sicht über das Val Sugana und seine beiden Seen wird immer spektakulärer, aus den tiefhängenden Nebelfetzen tauchen die bereits befahrenen Dolomitenausläufer auf.

Was die Kaiserjäger bauten, ist auch für den Velotourenfahrer gut genug

Der Grund für meine Eskapade über den Monte Rovere ist nicht etwa der Besuch der Befestigungen aus dem 1. Weltkrieg, sondern eine der Kleinsprachen, die alle Gräueltaten und Schlächtereien überlebt hat. Genauer gesagt, die Zimbrer haben überlebt, und ihre Sprache, ein von einem bayrischen Dialekt abstammendes Idiom. Im Dorf Luserna/Lusern, das sich an die äusserste Kante der Hochebene klammert, die sich bis Asiago und weiter hinzieht, ziele ich den Gasthof an, der in vier gut erhaltenen Gebäuden aufgehoben ist. Ich trinke nur einen Capuccino, eigentlich wollte ich hier übernachten, aber der Kaiserstieg wäre nicht zu schaffen gewesen gestern. Von der Mutter der Wirtin erfahre ich Einiges übers Zimbrische. So dass nur noch in Lusern, einem Dorf mit 300 Einwohner/innen die Sprache richtig gut vertreten sei (und schon im übernächsten Dorf verstehe sie die Leute kaum mehr), dass die Kinder eine Stunde pro Tag auf Zimbrisch unterrichtet werden (das genüge, weil die meisten die Sprache zu Hause auch sprechen), auch dass ihre deutschen Gäste sie verstehen könnten, wenn sie langsam spräche. Die Probe aufs Exempel für die deutschsprachigen Leser/innen folgt unten.

Angefügt sei noch, dass im Museum des Orts im Gegensatz zum Museo Ladin von Vigo di Fassa weniger die lokale Kultur als die historischen Umstände dargestellt und fast schon zelebriert werden, mithin der Grosse Krieg. Mein Gedanke dabei: Schon wichtig, dass man nie vergisst vielleicht müsste man zusätzlich zu UNESCO-Welterbe-Stätten auch UNO-Unorte der historischen Fehler errichten.

Soldatenfriedhof an der Strasse bei Luserna

Einer Ironie der grossen Geschichte ist aber dabei nicht auszuweichen: Viele der Zimbrer der fünf Dörfer des Hochplateaus wurden im Verlauf des Kriegs ausgesiedelt, zu ihrem eigenen Schutz, wie es hiess, die Dörfer und Felder standen unter heftigem Granatbeschuss. Sie wurden nach Böhmen geschickt und konnten erst 1919 zurückkehren. Vielleicht brachten diese böhmischen Dörfer gewisse Herren auf Ideen:

„Am 21. Oktober 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Abkommen zur Umsiedlung der nicht italienisch sprechenden Bevölkerung Oberitaliens in Länder und Gegenden unter der Herrschaft des Deutschen Reichs. Wer in Italien verbleiben wollte, musste die konsequente Italianisierung mit Aufgabe von Kultur und Muttersprache in Kauf nehmen. Auch viele in Armut lebende Luserner glaubten an die Versprechungen auf ein besseres Leben und wurden nach Tirol-Vorarlberg, nach Salzburg, vor allem aber ins Budweiser Becken am Rande des Böhmerwalds (Protektorat Böhmen und Mähren) umgesiedelt. Aus der Gegend um Budweis sind bei Kriegsende die Luserner (zusammen mit umgesiedelten Fersentalern) völlig mittellos zurück nach Italien geflohen. Ihre Wiedereinbürgerung und vor allem die Rückgabe ihres Eigentums haben sich dann bis 1967 hingezogen.“ (Quelle: Wikipedia bzw. Wedekind, Michael: Nationalsozialistische Besatzungs- und Annexionspolitik in Norditalien 1943 bis 1945, München, 2003).

Die alte Frau, mit der ich sprach, hat das wohl nicht miterlebt, sie unterzog sich aber einer anderen Art der Aussiedlung: vor 50 Jahren arbeitete sie eine Zeitlang in Zürich als Zimmermädchen in einem Hotel. Sicher half ihr dabei ihre Sprachkenntnis. Ihr Enkel studiert nun Sprachen, sie zählt eine Anzahl auf und fügt bei: Deutsch kann er ja schon.

Welches Tier wird mit folgendem Text beschrieben?

Gudegar. Dar Gudegar iz dar gröazazte nachtvogln von ünsarn pèrng; pa tage steatar lugart zbisnen in raisar vo groaze èlbarn odar in a khluft von an kròtz. Dar vrizzt saiz maüs azpe groaze vichar az pe hasan, vüks und junge kapardjöln o.

Die Lösung im Bild

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