Der Fluch der Ebene

28. August 2011 § Ein Kommentar

Nach sieben Tagen unseres baltischen Veloabenteuers sind wir beide ein bisschen ernüchtert. Reto, weil ich als Reiseleiter keinerlei Ruhetage in den Parcours aufgenommen habe, ich meinerseits, weil das flache Land doch sehr platt ist und mit wenig Abwechslung für den verwöhnten Radler aufwartet.
Für beide lohnt sich ein zweiter Blick: Ich muss nicht auf dem vorgezeichneten Plan insistieren, nehme auch gerne mal den Zug, wenn es regnet, bzw. erweise mich als nachgiebig, wenn es um das Ziel der Reise geht. Zwar müssen wir von Danzig zurückfliegen, aber wenn wir morgen Kaliningrad in der russischen Exklave erreichen, ist das auch gut und gut ist, dass es offenbar eine Bahnlinie nach Gdansk gibt. Der Reiseleiter ist dann gefordert, wenn es darum geht herauszufinden, wann der einzige Zug denn wirklich fährt: nicht wie im Fahrplan der Deutschen Bahn und der polnischen Staatsbahn vermerkt, um 18:23 Uhr, sondern wahrscheinlich zwei Stunden früher, weil alle Züge in Russland nach Moskauer Zeit fahren.
Wir werden sehen, ob das klappt und ob wir die Fahrräder verladen werden können.
Für den anderen – mich – heisst es Geduld üben, denn jede Etappe zieht sich – mental wenigstens – über die Massen hin und auch 58 km erscheinen plötzlich endlos. In der Ebene hat man wenig Anhaltspunkte fürs Fortkommen und bewegt sich scheinbar in Zeitlupe. In den Wäldern der Kurischen Nehrung ziehen immer wieder ähnliche vegetative Formationen an einem vorüber, entweder industriehafte Kiefernplantagen oder primäre Mischwälder aus Eichen, Birken, Erlen und Kiefern unterschiedlichen Alters, an sich ein erfreulicher Anblick aus dem Augenwinkel, doch über 90 km wird jeder Wald etwas monoton. Da müsste einer sich selbst unterhalten können: Musik hören vielleicht – aber die Ohrhörer haben Wackelkontakt -, grübeln und/oder philosophieren (aber da kommen einem Dinge aus der Arbeitswelt in den Sinn, die Sprengkraft haben und auf dem Sattel im Moment ohnehin nicht gelöst werden können. Das beste Rezept ist dann einfach, sich umzuschauen, die Myriaden Spinnennetze mit Blicken zu erhaschen, die den Wald silbern erschauern lassen, den Spuren der Wildschweine nachzudenken, die den Boden am Strassenrand aufgewühlt haben, die Dünen und das offene Meer dahinter mitzudenken, die langsam an einem Vorbeiziehen, ohne dass man sie klar erkennen kann.
Dies alles – unter dem Vorzeichen des tagelang wehenden Gegenwinds – ist manchmal ein bisschen mühsam und eintönig, doch das endliche Ankommen, die Dusche und das Glas Bier in immer neuen Etablissements bieten einen anziehenden Reiz, der erst durch das Kontrastmittel des stundenlangen Radelns wirklich zu wirken vermag.
Heute haben wir auf recht unspektakuläre Weise (nur 20 Minuten Wartezeit) die russische Grenze auf der hier menschenverlassenen Kurischen Nehrung passiert. Das griesgrämige Gesicht der subalternen Grenzbeamtin, die uns die Formulare zum Ausfüllen unterjubelte, war schon der verfrühte Höhepunkt. Reto zitiert in einem Fort Ronald Reagan, der die Sowjetunion das Reich des Bösen nannte. Ich weiss nicht mal, ob die vielen schwarzen und bulligen Geländewagen und Limousinen, die uns passieren, aus diesem Reich entsprungen sind. Fast schon gemütlich wird es im verlorenen kleinen Ort Lesnoy, wo wir unwahrscheinlicher Weise ein Hotel finden, das (mangels Rubel) unsere Kreditkarte akzeptiert.
Wir wundern uns über die Kühle der Ostsee, in der ich noch vor zwei Tagen ohne mit der Wimper zu zucken gebadet habe, die Wellen, die wieder vom auffrischenden Südwestwind aufgeworfen werden und die wie im Gegensatz dazu niedlichen kleinen Kläffer, welche die russischen Dämchen mit irgendwie rosarot wirkender Takelage unter dem Restauranttisch mit Knöchelchen abspeisen.
Kurzum, der Fluch der Ebene ist nicht nur der immer aus der falschen Richtung wehende Wind, sondern auch ihr Hang, kleine Unwichtigkeiten in ein grell beleuchtetes Relief zu heben. Wenn ich mit den Tagen im Auf und Ab des Balkans vergleiche – aber vergleichen sollte man immer eher weniger als mehr -, fehlt mit hier die Abwechslung, die Dramatik, was wiederum den Vorteil hat, dass man sich seine Geschichten selbst erschaffen muss. Wie eben die Illusion, glücklich den Fängen des Reichs des Bösen entronnen zu sein.

§ Eine Antwort auf Der Fluch der Ebene

  • Buchli sagt:

    Danke für den Reisebericht, der für mich als mitreisenden besonders spannend ist. Persönlich habe ich mich mit der Monotonie der Landschaft und dem Gegenwind versöhnt. Grund: es ist nicht zu warm, alles schön flach, die Menschen sind nett und aufgeschlossen, man sieht kein Elend, ich brauche kein schlechtes Gewissen zu haben, die touristische Infrastruktur ist ausgezeichnet und schließlich bist Du als Reiseleiter Spitze und als Reisefreund ideal. Herzlichen Dank die Reise initiiert zu haben. Reto.

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